Deutsche Maschinentechnische Gesellschaft  
 
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Christian Peter Wilhelm Beuth
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(Der nachfolgend wiedergegebene Aufsatz von Hackstein erschien in der von der Deutschen Maschinentechnischen Gesellschaft (DMG) 1981 anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens herausgegebenen Festschrift. Dipl.-Ing. Hans Hackstein leitete zu dieser Zeit den Beuth-Ausschuss der DMG.)
 
 

 
Christian Peter Wilhelm Beuth
sein Wirken und seine Bedeutung
 
Die Deutsche Maschinentechnische Gesellschaft vergibt seit nahezu 100 Jahren im Rahmen von Beuth-Ausschreiben und Beuth-Wettbewerben für hervorragende Arbeiten aus dem Gebiet der Maschinen- und Elektrotechnik sowie der Betriebswirtschaft und Systematik des Schienen-, Straßen- und Wasserverkehrs Beuth-Preise, deren wesentlicher Bestandteil die Verleihung von Beuth-Medaillen ist. Als diese Einrichtung - vor der Jahrhundertwende - ins Leben gerufen wurde, war die Persönlichkeit Beuth und sein Wirken auch über die Fachwelt hinaus ein Begriff, so dass die Inanspruchnahme seines Namens Sinn und Zweck des Wettbewerbes eindeutig definierte. Heute verbindet sich mit seinem Namen kaum noch eine Vorstellung, sein Wirken ist weitgehend in Vergessenheit geraten.
 
1981 jährt sich zum 200. Male sein Geburtstag, für die Deutsche Maschinentechnische Gesellschaft daher eine vornehme Verpflichtung, dieser Persönlichkeit zu gedenken und an ihr Wirken zu erinnern.
 
Wer war Ch. P. W. Beuth?
 
Beuth wurde am 28.12.1781 in Kleve als Sohn eines Arztes geboren. Er studierte Rechts- und Kameralwissenschaft und trat 1801 in den preußischen Staatsdienst, avancierte zunächst zum Obersteuerrat im Finanzministerium, nahm als Lützowscher Jäger an den Befreiungskriegen teil und wurde 1830 Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat und Direktor der Abteilung für Handel, Gewerbe und Bauwesen im preußischen Ministerium des Innern. Seit 1821 war er zudem Mitglied des Staatsrates. Beuth starb am 27. September 1853 in Berlin, wo er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof nahe seinem großen Freund Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) begraben wurde.
 
Großansicht Wirtschaft und Industrie des preußischen Staates befanden sich damals in einer gefährlichen Konfliktsituation. Unter Friedrich dem Großen hatte Preußen eine perfekt ausgebildete und vom Staat gelenkte Wirtschaft, die alle Wirtschaftsvorgänge im Landesinneren zusammenfasste, sie aber nach außen strikt abschloss. Dank der starken Persönlichkeit Friedrichs des Großen entstand mit diesem System eine nicht unbedeutende Industrie, die u. a. als eine der ersten auf deutschem Boden die Dampfmaschine verwendete, während andere Souveräne der damaligen Zeit noch in der Technik lediglich die Möglichkeit sahen, sich Spielzeuge bauen zu lassen. Mit dem Tode Friedrichs des Großen verlor dieses merkantilistische System seinen Träger und seinen Schutz.
 
Zudem hatten sich Produktionsverhältnisse, Philosophie und Staatslehre sowie auch die gehobene Volksbildung in der Zwischenzeit verändert, und neue Denkformen der Wirtschafts- und Staatsgesinnung waren entstanden. Nach Adam Smith sollte sich nunmehr im freien Wettbewerb aller wirtschaftlichen Kräfte sowohl die gesellschaftliche Harmonie als auch das soziale Gleichgewicht von selber einstellen. Wandlungen in der sozialen Struktur und Wandlungen in Denk- und Vorgehensweise gehen Hand in Hand, sich gegenseitig beeinflussend. Ideen und Ideologien kennen zudem keine Landes- oder Staatsgrenzen. So war es unausbleiblich, dass die Wirtschaft Preußens sich mit den in England und Frankreich schon längst praktizierten Entwicklungen auseinandersetzen musste. Wenn auch Smiths Wirtschaftslehre lebhafte Unterstützung an den deutschen Universitäten und auch in der jüngeren preußischen Beamtenschaft fand, so war doch Preußens Wirtschaft im Grunde noch nicht darauf vorbereitet.
 
Freiherr vom Stein, der 1804 zum Chef des Fabrikendepartements berufen wurde, fürchtete daher wohl mit Recht, dass die in der geschützten Ära des Merkantilismus gewachsene preußische Industrie bei radikaler Einführung der liberalistischen Gedanken zusammenbrechen würde. Er wollte die Wirtschaft in größeren, die gesamte Existenz der Menschen in allen ihren Lebensäußerungen einzubeziehenden Zusammenhängen sehen, wobei die Persönlichkeitsbildung im Vordergrund stehen sollte. Der Bürger sollte mitarbeiten und mit Verantwortung tragen. Der absolutistisch bedingte Gehorsam sollte der inneren Freiheit weichen, die gebunden ist an die moralische Verpflichtung zur Verantwortung vor dem eigenen Gewissen und vor der Allgemeinheit. Im Mittelpunkt der Reformen zur Gewerbeförderung stand somit die pädagogische Aufgabe.
 
Leider ließ die Katastrophe des preußischen Staates im Jahre 1806 die Durchführung dieser Pläne nicht mehr zu, jedoch wurden unter Steins Nachfolger Hardenberg die grundlegenden Reformgesetze erlassen, die
 
den Zunftzwang aufhoben und die Gewerbe damit freigaben,
die traditionellen Schutzzölle und Importverbote liquidierten und
die Erbuntertänigkeit und Leibeigenschaft aufhoben.
 
Damit war zwar der Weg in die neue Wirtschaftsform frei und der Rahmen für die Industrialisierung in Preußen gesteckt. Die mit der Durchführung der Gesetze betrauten Beamten standen jedoch vor der nicht leichten Aufgabe, die radikale Umstellung auf Gewerbefreiheit und Freihandel ohne größere Nachteile für die Gesamtwirtschaft und Industrie zu vollziehen.
 
Beuth stand den Gedanken van Adam Smith aufgeschlossen gegenüber und trachtete, die verkümmerte Eigeninitiative der „Manufakturisten” und „Fabrikanten” in Preußen zu wecken und zu fördern, erwartete aber helfende Unterstützung vom Staat. Bei der Gründung des „Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen” sagte er in der Eröffnungsrede u. a., dass
ein Staat, der wie der preußische seinen Fabrikanten nicht durch Einfuhrverbote oder abnorme Eingangsabgaben Prämien bewilligt, die es überflüssig machen, sich viel um sie zu bekümmern, der sie vielmehr dem Wind und Wetter der Konkurrenz aussetzt, hat auch meines Erachtens die Pflicht, sie mit den Mitteln bekannt zu machen, die Konkurrenz siegreich zu bestehen.
 
Im Rahmen seiner Förderung der Gewerbepolitik
 
gründete er das gewerbliche Schulwesen,
finanzierte Studien- und Auslandsreisen zur Beschaffung von Informationen über den Stand der Technik,
warb Industrieexperten an und
zog das Patentwesen und die Zollpolitik in seine Bestrebungen mit ein.
 
Während das damalige Patentwesen Preußens schon wenig später reformbedürftig war und die Zollpolitik nicht nur vom technischen Stand der eigenen und der fremden Industrie, sondern auch von den jeweiligen politischen Konstellationen und Machtverhältnissen abhängt, kann den Gedanken Beuths zur Informationspolitik eine auch heute noch voll gültige Aktualität nicht abgesprochen werden. Er schickte begabte Leute auf Studienreisen ins Ausland, um die dortigen Industriepraktiken kennen zu lernen und brachte auch selbst von seinen Reisen Maschinen mit, die der heimischen Industrie zur Verfügung gestellt wurden. Die gesammelten Informationen wurden in einem Beiblatt des Intelligenzblattes, dem Gemeinnützigen Anzeiger, den interessierten Gewerbetreibenden zugänglich gemacht.
 
Seine Gedanken und Maßnahmen im gewerblichen Schulwesen waren dagegen der damaligen Situation zwar voll gerecht, aber schon bald nach ihm nur noch bedingt gültig.
 
Das von ihm geschaffene Gewerbeinstitut sollte sich an praktischen Dingen orientieren. Er schrieb:
Wer mehr lernen will, tut es auf der Universität. Dieses Mehr schließe ich von der Technischen Schule aus, weil ich es mehr für eine Zierde als von wesentlichem Einfluss auf das Gedeihen der Gewerbe und auf ihre Blüte halte.
 
Die Gewerbeschule wollte den künftigen Gewerbetreibenden der höheren Sphäre alle diejenigen Kenntnisse vermitteln, die der vorgeschrittene Zustand der Gewerbe erfordert, und die in den Gymnasien oder in Privatunterricht nicht vermittelt wurden. Der Unterschied zu den Universitäten wurde scharf betont. Die Gewerbeinstitute standen nämlich nicht zuletzt auch den unteren Volksschichten offen, und man witterte auf den Universitäten den alten feudalen Geist. So herrschte zwangsläufig zwischen Wissenschaft und Technik eine unüberbrückbare Kluft. Und als aus dem Gewerbeinstitut die Gewerbeakademie und schließlich die Charlottenburger Technische Hochschule wurde, war damals die Zeit noch zu kurz, um das Niveau der Bildung bei den damaligen Gewerbetreibenden zu heben und diese Kluft allmählich zu überbrücken.
 
Beuth hatte zwar richtig erkannt, dass die Beschäftigung mit technischen Dingen eine andere geistige Grundeinstellung voraussetzt als die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen, und demzufolge sein Gewerbeinstitut auf den Unterricht in praktischen Dingen ausgerichtet. In der Zeit der beginnenden Industrialisierung entsprach dies auch voll den damaligen Erfordernissen. Inzwischen ist aber aus dem „Gewerbetreibenden” der Techniker, der Ingenieur geworden, und Ingenieurwissenschaften stehen nicht mehr notwendigerweise im Gegensatz zu anderen Wissenschaften. Im Gegenteil, da die fortschreitende Industrialisierung heute Grenzen erkennen lässt, die es notwendig machen, nicht nur das technisch Machbare anzustreben und zu tun, sondern auch zu entscheiden, was zu tun ist, müssen künftig Technik, Wissenschaft und Kultur als Einheit gesehen werden und das Berufsbild des Ingenieurs muss auch das Wissen um die Auswirkungen technischer Entwicklungen auf Kultur und menschliches Zusammenleben enthalten.
 
Denn wir müssen die Technik weiterentwickeln, dass die Verbesserung ihrer Effizienz die Grundlage unserer Existenz ist, andererseits aber der technische Fortschritt allein und ohne die Kenntnis und das Wissen um unsere Lebensbereiche gefährlich ist. Und deshalb ist kurz gesagt das „know how” zwar notwendig, aber nicht mehr hinreichend, es gehört das „know what” dazu, sonst bleibt der unheilvolle, kritiklose Glaube an den Fortschritt und
wir bewegen uns nach Seekarten des Fortschrittes, auf denen die drohenden Untiefen nicht verzeichnet sind” (Norbert Wiener).
 
Es gilt also, das von Beuth begonnene Werk zur Förderung des Gewerbefleißes weiterzuentwickeln und so – wie Beuth es damals tat – den Erfordernissen der heutigen Zeit anzupassen, d. h. die Ausbildung und Weiterbildung des Ingenieurs über die Ausrichtung auf die Technik hinaus auf die anderen Lebensbereiche unserer Gesellschaft auszudehnen.
 
Die Deutsche Maschinentechnische Gesellschaft hat dies auf ihre Fahnen geschrieben.
 
 

Quellenangaben

Reihlen, H.: Christian Peter Wilhelm Beuth - eine geschichtliche Betrachtung aus Anlaß des 125. Todestages
DIN-Mitteilungen 57 (1978) Nr. 9

Hubatsch, W.: Der Freiherr vom Stein und England.
Köln: Grote'sche Verlagsbuchhandlungen KG (Kohlhammer), 1977

Lundgreen, P.: Techniker in Preußen während der frühen Industrialisierung.
Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 20

Matschoß, C.: Preußens Gewerbeförderung und ihre großen Männer.
Berlin: VDI-Verlag, 1921

Matschoß, C.: Männer der Technik.
Berlin: VDI-Verlag, 1925

Mieck, I.: Preußische Gewerbepolitik in Berlin 1806 - 1844.
Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 20.
Berlin: Walther De Gruyter & Co., 1965

Plum, W.: Gewerbeförderung in Deutschland.
Entwicklungspolitische Beiträge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Hefte aus dem Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn: 1972

v. Siemens, W.: Lebenserinnerungen.
Berlin: Verlag von Julius Springer, 1893

v. Stein, C. F.: Briefe und amtliche Schriften.
Herausgegeben von W. Hubatsch. Stuttgart: 1959

Straube, H. J.: C. P. W. Beuth.
Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte - Heft 5.
Berlin: VDI-Verlag, 1930

 

Grabstelle C. P. W Beuth
Grabstätte von Beuth auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte
(Die kleine rote Tafel auf der rechten vorderen Grabecke weist darauf hin, dass es sich um ein Ehrengrab der Stadt Berlin handelt. — Foto: E. Gärtner)
 
 
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